Es ist nie zu spät
Meine Oma wollte 100 werden.
Am Ende wurde sie 94. Und ich habe sie in ihren letzten Tagen begleitet – anders, als ich es mir je vorgestellt hätte.
Erst im Rückblick habe ich verstanden, wie sehr mich der KuschelRaum darauf vorbereitet hat.
(Auf den Bildern sind die Hände von drei Generationen zu sehen: meine Oma, meine Mutter und meine.)
Inhalt
Meine Oma – ein ganzes Leben in 94 Jahren
Meine Oma, Professor Doktor Erika Agnes Auguste – stolze 94 Jahre alt – hatte noch ein Ziel: Sie wollte 100 werden. Sie war geistig fit, liebte Kniffeln und hatte einen klaren Kopf bis zum Schluss.
Sie wurde in Schlesien geboren, flüchtete am Ende des Krieges vor den Russen nach Berlin und wurde mit 18 Jahren Lehrerin – einfach so ohne Ausbildung – und fand darin ihre Berufung. Sie war Lehrerin mit Herz und Seele. Bildung ging ihr über alles. Und schließlich wurde sie Direktorin der besten Schule der DDR. Bis zum Schluss war sie stolz auf „ihre“ Olympioniken – in Russisch und Mathe. Ja, genau: Russisch-Olympiaden! Und ihre Schüler liebten sie. Meine Oma erzählte uns oft mit leuchtenden Augen von Streichen und Klassenfahrten – und bekam noch mit über 90 Besuch von ehemaligen Schüler:innen. Sie hat Leben verändert.
Früh ließ sie sich scheiden, zog zwei kleine Kinder allein groß und promovierte nebenbei – während sie Vollzeit arbeitete.
Dann kam die große Liebe: Opa Kurt.
Ein wunderbarer Mann, der aus dem Westen in den Osten geflüchtet war – entgegen der üblichen Richtung. Er liebte uns alle abgöttisch und baute Spielzeuge aus Holz, die sogar leuchten konnten. Ein kleines Feuerwehrauto habe ich noch vor Augen. Und da war dieses Häuschen auf dem Grundstück – natürlich auch selbst gebaut. Er starb an Krebs, als ich sieben Jahre alt war. Meine Oma war bis zuletzt an seiner Seite, hat ihn hingebungsvoll gepflegt und ihm stundenlang den Kopf gekrault und massiert, um ihn von seinen Schmerzen abzulenken. Sie hat nie wieder geheiratet, sie hatte Liebhaber.
Im Garten „schinderte“ meine Oma, wie sie selbst sagte – oft mit einem Handtuch um den Hals, weil ihr der Schweiß in Strömen herunterlief: Sie harkte, pflanzte und führte einen fast unerbittlichen Kampf gegen das Unkraut. Im Spätsommer wurden Pflaumen geerntet. Der Kirschbaum war eine Schattenmorelle, was ich als Kind sehr bedauerte.
Sie war ein Familienmensch. Die Gesundheit ihrer Liebsten ging ihr über alles, und sie pflegte Brieffreundschaften in die ganze Welt. Seite um Seite floß in ihrer schönen Handschrift in Russisch oder Deutsch aufs Papier – keine Fehler, keine Korrekturen.
Kochen konnte sie nicht. Sie bekam Westpakete, trug schreckliche Blusen und großen russischen Schmuck. Sie lachte gern, aus voller Kehle. Abends sah sie sich mit mir und meiner Schwester „Die Schwarzwaldklinik“ an. Und vielleicht war sie ein kleines bisschen verliebt in Dr. Brinkmann.
Es geht zu Ende
Mit über 80 verließ sie ihre Wohnung in Hohenschönhausen, Berlin und zog in eine Wohnanlage der AWO in Königs Wusterhausen. Dort lebte sie in ihrer eigenen kleinen Wohnung – mit Unterstützung durch Pflegekräfte im Alltag. Sie spielte Skat mit der Männerrunde, rätselte und schaute ihre geliebten Tiersendungen. Besuch war ihr wichtig. „Wann kommst du wieder?“, war fast immer ihr letzter Satz.
Das ging lange gut. Doch irgendwann kam der Moment, an dem das nicht mehr reichte. Sie vergaß immer öfter zu essen, stand fast gar nicht mehr aus ihrem großen Ohrensessel auf. Wir zogen die Konsequenz und brachten sie in ein Pflegeheim – und sie war davon nur wenig begeistert. Das Zimmer war winzig, zumindest hatte es einen Balkon. Sie brauchte etwas Zeit, um mit den Pflegekräften warm zu werden. Doch auch das kam bald. Meine Oma war einfach ein Menschenfreund.
Und dann passierte das, was so oft passiert. Sie stürzte, hatte Schmerzen bei jeder Bewegung. Von da an lag sie nur noch im Bett, aß und trank kaum noch und wurde weniger und weniger. Es geht zu Ende.
Meine Mutter informierte alle, und sie kamen noch einmal. Nach und nach stellte sich Besuch ein – aus der Familie und von weit her.
Ein Abschied auf Raten
Für mich war es ein dankbarer Abschied, weil er auf Raten kam. Ich wusste: 90, 91, 92, 93, 94 – so viele Jahre werden es nicht mehr werden. Irgendwann, bald, ist es zu Ende. Ein noch abstrakter Gedanke, oft präsent aber unwirklich.
Pflegeheim, Sturz und die Zeit danach machten es greifbarer: Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Immer wieder kamen mir die Tränen, und langsam sackte es ein: Das ist der Abschied. Ich hatte Zeit, diesen Gedanken zuzulassen. Zeit, immer wieder zu trauern.
Der erste letzte Besuch war gemeinsam mit meiner Mutter. Ich weinte und hielt die Hand meiner Oma. Meine Mutter lief im Zimmer herum und erzählte – viel zu laut – von Menschen, die weder ich noch meine Oma kannten, davon, wo sie nach dem Umzug jetzt leben würden, und wo der Schuppen steht. Ich dachte: Sei leise. Ich wurde fast wütend und sagte nichts.
Erst im Nachhinein habe ich verstanden: Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte. Sie war überfordert mit der Situation: Ihre Mutter liegt im Sterben.
Heute schäme ich mich für meine Gefühle. Ich kann sie nun besser verstehen. So konnte sie damit umgehen: Normalität behaupten. Lebendigkeit reinbringen.
Ein friedlicher Abschied
Ich glaube, für meine Oma war es ein friedlicher, ruhiger Abschied. Sie hatte keine Schmerzen, lag ruhig da, sprach mit Pflegekräften darüber, wie schön ihr Leben gewesen war und dass sie glücklich mit ihren Kinder sei … Sie schlief viel, trank aus ihren Schnalbeltassen und knabberte Osterschokolade.
Ich wollte nicht, dass unsere letzte Begegnung die bereits beschriebene war und fuhr am darauffolgenden Tag wieder hin. Meine Absicht: Ich wollte einen Abschied, der etwas bedeutet. Ich wollte ein Seelengespräch führen. In meinem Kopf war klar das Bild eines etwas rührseliges Szenarios, in dem wir uns noch wichtige Dinge sagen – in Filmen machen sie das immer so. Wir räumen auf, was es noch aufzuräumen gilt, lassen nichts ungesagt … und dann ist alles gut. Ich hatte zwar nichts Konkretes, was was mir noch auf dem Herzen lag oder auf den Lippen brannte … aber so der Plan.
Nun, es ist schön, einen Plan zu haben – aber es ist und bleibt meine Familie. Und wir führen keine Seelengespräche. Wir sprechen eher selten über Dinge, die uns wirklich bewegen, lassen Sachen eher ungesagt und grummeln vor uns hin bis es wieder gut ist oder schlucken es endgültig runter. Wir sagen uns beispielsweise auch nicht, dass wir uns lieben. Letzteres bleibt den noch kleinen Kindern vorbehalten, ebenso wie kuschelige Zeit. Ab dem Teenageralter schwindet beides auf Nimmerwiedersehen dahin. Es ist ganz viel Liebe da, sie wird allerdings so ausgedrückt, wie ich es bei unzähligen anderen „normalen“ Familien beobachten konnte. Zuneigung und auch Zugehörigkeit werden durch Taten ausgedrückt, durch handfeste Taten, nicht durch Worte oder Berührung. Wir renovieren mit, verteilen selbst gepflücktes Obst, erledigen Amtsgeschäfte, verbringen Weihnachten zusammen, schicken Fotos hin und her, telefonieren ab und an. Das war’s.
Zurück zu meinem geplanten Seelengespräch. Es sah so aus: Ich kam bei meiner Oma an und sie war müde – das war sie am Ende oft. Ich setzte mich, hielt ihre Hand – erstaunlich viel Kraft in so einem kleinen Körper – und versuchte, ein Gespräch anzufangen. Ob sie mir etwas über ihr Leben mitteilen wolle – „Nein.“ … Mmh. Was nun? … Ob es etwas gäbe, das sie mir noch sagen möchte … lange Pause: … „Bleib gesund.“ Aha. … Irgendwie enttäuschend – und dann doch im Nachhinein einer der wichtigsten Wünsche, die man für einen anderen Menschen haben kann.
Dann bat sie mich zu gehen, sie wolle schlafen. Ihre letzten Worte: „Komm bald wieder.“ Ich küsste sie zum Abschied, ging und dachte: Gut, das war’s dann. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, vielleicht auch nicht. Es fühlte sich unbefriedigt an, nicht vollendet und ich fühlte mich hilflos. Ich hatte es irgendwie versucht und nun sollte es das gewesen sein?
Und dann kam es anders, denn es blieb nur ich übrig. Meine Mutter, die in der gleichen Stadt wohnte, fuhr in den langgeplanten Urlaub. Das andere Kind, mein Onkel, fuhr auch in den noch länger geplanten Urlaub. Meine Schwester wurde krank und war ansteckend. Mehr Menschen gab es in der Nähe nicht mehr. … Es lag an mir. Und mir war klar: Ich wollte nicht, dass sie da allein liegt und niemanden hat. Keine Familie, keine Person, die sie wirklich kennt. Keine Freude mehr über einen Besuch. Also fuhr ich jeden zweiten Tag hin. Und ich bin sooo dankbar, dass es genauso so passiert ist, dass ich diese Zeit mit ihr haben konnte. Dass ich da sein konnte. Ungeplant. Einfach dem Leben folgend.
Wir haben auch bei den weiteren Besuchen fast nicht geredet. Unsere Unterhaltung beschränkte sich darauf, dass sie Wasser wollte oder mich bat, ihren Mund sauber zu wischen. Auch von meiner Seite war alles gesagt – es war ja nichts Neues passiert seit dem letzten Treffen. Meine Seele hatte auch kein Thema nach oben gespült.
Ich saß bei ihr und hielt einfach ihre Hand. Irgendwann begann ich, ihren Kopf zu streicheln und ihr Gesicht. Ihre Augen gingen zu, ganz still lag sie da und dann nach einiger Zeit sagte sie ein paar Mal leise „Ja“. Sie lag ganz friedlich da, genoss einfach die Berührung, spürte.
Ich weiß nicht, wann ich sie das letzte Mal berührt habe – über die Begrüßungs- und Abschiedsumarmungen hinaus. Wahrscheinlich noch als Kind, wenn die Körper der Liebsten einfach als selbstverständlich wahrgenommen und berührt werden, wie es gerade gebraucht wird – zur Begrüßung, zum Abschied, zum Spielen oder Kuscheln.
Ich streichelte ihren Kopf – zum ersten Mal in unserem Leben. Und das reichte. Mehr brauchte es nicht. Am Ende sagte sie: „Mein lieber Schatz.“
Und das machte ich auch beim nächsten Treffen. Und beim nächsten. Und dann kam plötzlich beim Abschied der Impuls, ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Diese drei Worte zu sagen: „Ich liebe dich.“ Und deutlich nahm ich diesen Stopp in mir wahr: Sowas machen wir in unserer Familie nicht! Ich bekam den Satz nicht raus.
Und dann kam ein innerer Impuls, deutlich spürbar: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Nach all den Jahren im KuschelRaum. Nach all den vielen Begegnungen mit Menschen. Dem Erfahren und Beobachten, wie kraftvoll liebevolle Berührungen und Worte sind. Nach Jahren, in denen ich genau das geübt hatte: Menschen mit dem Herzen zu sehen und das, was ich wahrnehme, auch auszusprechen. Nach all dem – das kann nicht sein, dass ich das jetzt nicht hinbekomme. Und mit diesen Gedanken konnte ich drüber gehen. Ich holte tief Luft, und was ich rausbekam, war ein ehrlich gefühltes, warmes und sehr herzverbundenes: „Ich hab dich sehr lieb.“
Ihren Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen. Es war, als würde ein Lichtstrahl einmal über ihr Gesicht fließen. Ein Lächeln, das wie eine Welle ihr Gesicht einnahm, das plötzlich zu leuchten begann. Sie hat nichts gesagt. Das musste sie nicht.
Meine Oma ist ein paar Tage danach verstorben. Ich habe sie noch zweimal wiedergesehen. Habe sie einfach gestreichelt. War einfach bei ihr.
Und dann, eines Morgens, kam der Anruf meiner Mutter: Meine Oma ist nicht mehr. Und ich war traurig. Ich bin traurig. Und auch sehr friedlich.
Es war ein wunderschöner Abschied. Unsere Beziehung fühlt sich rund an. Ich habe nicht das Gefühl, dass etwas offen geblieben ist. Ich habe das Gefühl, dass wir uns beide zum Abschied ein großes Geschenk gemacht haben.
Sie ist und bleibt meine Oma. Und ich habe sie sehr lieb.
Das Geschenk der Berührung
Ich habe diesen Moment – den Moment des Stopps und des Drübergehens einige Tage später im Abschlusskreis einer Kuschelparty geteilt. Um erstens zu sagen: Ich kriege auch nicht alles hin. Ich übe wie jeder andere Mensch hier im Raum, auch wenn ich schon viele Jahre dabei bin und sogar leite. Ich habe Baustellen, entwickle mich weiter. Und um zweitens zu sagen: Es ist nicht zu spät. Nur weil etwas so ist, oder schon immer so gewesen ist, heißt das nicht, dass wir es nicht verändern können.
Wir können.
Wir können die sein, die etwas verändern.
Die es anders machen.
Die Liebe ausdrücken – sei es durch Berührung oder Worte.
Die Liebe sichtbar und spürbar machen.
Nur weil eine Familie oder eine Beziehung in einer bestimmten Art und Weise funktioniert, heißt das nicht, dass es so bleiben muss. Wir können Veränderung einladen. Sanft. Langsam. Vorsichtig. Indem wir es einfach tun – ohne zu erwarten, dass es sofort übernommen wird und alles anders ist. In dem Bewusstsein, wie lange wir selbst für diesen Schritt gebraucht haben, der jetzt so logisch und vielleicht sogar einfach scheint. Mitgefühl. Achtsamkeit.
Ich bin dieser berührenden Arbeit und dem KuschelRaum so unendlich dankbar, weil sie mich und damit mein Leben und das Leben der Menschen um mich herum verändert haben – und immer noch verändern. Dieser Moment und viele andere solcher Art wären ohne die vielen Begegnungen im KuschelRaum und auch außerhalb dessen nicht möglich gewesen. Ich bin gewachsen, weiß um die Kraft liebevoller Zuwendung – sei es in Form von Berührung oder Worten. Für manche Themen habe ich Jahre gebraucht, für andere nur Monate, manche waren sofort klar und umsetzbar.
Ich bin so unendlich dankbar für diesen wunderschönen Abschied. Für das Geschenk, das ich meiner Oma, aber auch mir machen konnte – weil ich mittlerweile eine andere bin.
Es ist nie zu spät
Das ist der Kern vom KuschelRaum:
Dass sich unsere Leben verändern. Liebevoller werden. Weicher. Erfüllter.
Vielleicht ist da jemand, dem du schon lange etwas sagen möchtest. Oder eine Berührung, die du zurückhältst. Du kannst diese Person sein, die etwas verändert. Vielleicht ist Berührung dein Weg. Vielleicht auch Worte. Du kannst heute damit anfangen.
Es ist nie zu spät.
Wenn dich das Thema Berührung – gerade auch im hohen Alter – weiter bewegt, findest du hier mehr Gedanken dazu.


